Stimme aus der Dunkelheit

Es ist erst eine Woche vergangen seit der Schulschließung in der Corona-Krise. Viel musste ich in dieser Zeit lernen. Unterricht ohne Ernes, ohne meine SchülerInnen zu sehen und zu hören – noch vor kurzer Zeit unvorstellbar.

Doch jetzt schreibe ich an Wochenplänen mit, schicke sie an die fleißigen KlassenleiterInnen und hoffe, dass Links und QR-Codes funktionieren. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie stolz ich auf meinen ersten selbst erstellten QR-Code war. Und OneNote – eine Herausforderung! So viele Online-Tutorials und doch fühlte ich mich immer noch wie eine zappelnde kleine Fliege in diesem großen „Internetz“! Dann die ersten Reaktionen – eine toll ausgearbeitete Hausaufgabe, noch eine, eine knappe Frage, ein lustiger Spruch, die Kursnotizbücher füllten sich langsam und ich wurde sicherer.

Von wegen!?! Am Freitag der ersten Woche kam erneut eine ungeheure Herausforderung auf mich zu. Unsere Schulleitung lud mich bei MSTeams zu einer Videokonferenz am Montag um 9 Uhr ein! Wie sollte ich das schaffen? Ich habe doch nur einen alten Rechner ohne Kamera, ohne Mikro mit einem scheppernden Lautsprecher. Elektronik-Geschäfte haben geschlossen. Was nun? Da fiel mir ein, dass mein Sohn einen alten Laptop von seinem Onkel geschenkt bekommen hatte und einen Gaming-Kopfhörer besitzt. Ein bisschen peinlich war es ja schon mit dem riesigen Ding auf dem Kopf, aber besser als gar nichts! Es hat mich fast das ganze Wochenende gekostet. Nach viel Basteln funktionierte es plötzlich: ein Bild, ein Ton! Die Lüftung des Geräts war zwar so laut, dass man mich nicht so richtig verstehen konnte, aber was solls – ich hatte keine Wahl mehr. Ich schaute auf die Uhr. Es war schon Montag früh 0.38 Uhr. Ein bisschen Schlaf wäre jetzt schon recht. Noch ein letzter Versuch, dann gehe ich ins Bett. Ich rufe Teams auf, drücke auf den Button, ich sehe mich mit meinem großen Kopfhörer, höre mich sprechen, aber was ist das? Eine fremde, tiefe Stimme aus der Dunkelheit: „Hallo…. hallo…. Ist da wer?“ Es war mein Kollege, beschäftigt mit demselben Problem. Nach einer Schrecksekunde wurde erst einmal laut gelacht. Zuversichtlich, dass jetzt alles gelingen wird, wünschten wir uns eine gute Nacht und trafen uns am nächsten Morgen pünktlich bei der Videokonferenz wieder. Die nächtlichen Vorkommnisse behielten wir für uns, werden sie aber nicht so schnell vergessen.

Vier Wochen später sind wir technisch besser ausgerüstet, erfahrener – Videokonferenzen sind fast schon irgendwie normal geworden. Nach den Osterferien wird es wieder spannend. Alle LehrerInnen des Ernestinums wollen mit ihren SchülerInnen per Videokonferenz in Kontakt treten. Da wird es sicher viele lustige Begegnungen geben. Ich freue mich schon jetzt darauf!

 

April 22, 2020