Naturwissenschaftlich-Technologisches und Wirtschaftswissenschaftliches Gymnasium

Liebe und Hass – Ein literarische Projekt des LK Deutsch 2008/2010

 

„Den Menschen aus der Seele zu schreiben, das könnte eine Aufgabe sein.“
So schrieb Kurt Tucholsky über das Wesen eines Schriftstellers. Wir als Leistungskurs Deutsch dachten uns, dass dies auch eine Aufgabe für uns sein könnte. Dabei ist das Thema „Liebe und Hass“ nicht zufällig gewählt. Diese beiden Begriffe sind elementarer Teil unseres Lebens und begleiten uns fortwährend. Wir wollten schreiben, wie wir Liebe und Hass sehen, wie unterschiedliche diese Emotionen vorkommen können und zu was sie einen (ver)führen können.

Die Liebe ist das größte und edelste Gefühl, dass ein Mensch empfinden kann. So beschreibt schon die Bibel dieses Gefühl in 1 Kor 13,8:

„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.“

 

Man sieht, wie viel Positives die Religion der Liebe zuschreibt. Diese Stelle zeigt deutlich, wie groß die Liebe sein kann. Denn sie ermöglicht uns gegen alle Widerstände anzukämpfen und zu bestehen. In diesem Wissen suchen wir ständig nach der wahren Liebe. Diese Suche kann ermüdend sein, ebenso wie gescheiterte Liebe schmerzvoll ist. Aber all dies nehmen wir in Kauf für die erfüllte, wahre Liebe, die alles erträglich macht. Das Leben hat ohne  Liebe  keinen Glanz, keinen Sinn, keine Zukunft. Ohne sie ist die Welt traurig, grau und unscheinbar. Die Liebe verleiht Allem seinen ganz besonderen Glanz.

 

Das Gegenstück zur Liebe ist der Hass. Keine zweite Emotion ist der Liebe gleichzeitig so nah und so fern. Ganz deutlich wird diese Eigenschaft in der Tragödie „Romeo und Julia“. Die Liebe der beiden wird durch den Hass ihrer verfeindeten Familien bedroht. Schließlich siegt die Liebe im Tod des Paares und dieser vernichtet auch den Hass zwischen den Familien. Aber es kann auch anders kommen. Aus verletzter Liebe kann Hass entstehen, aber auch Hass kann sich in Liebe verwandeln. Beide Wege stehen offen. Dennoch sehen wir im Hass vorwiegend das Negative.

 

„Wo Liebe wächst, gedeiht Leben – wo Haß  aufkommt, droht Untergang.“

 

Dies sagte einst Mahatma Gandhi. Der angesprochene Untergang hat verschiedene Vorboten. Hass vernichtet Freundschaften, raubt den Schlaf, vernebelt den Verstand und nimmt  jede Hoffnung. Es bleiben nur Wut und Verbitterung zurück. Hass sucht Rache um zur Ruhe zu kommen, doch schafft man damit nur mehr Hass. Nicht Rache, sondern die Liebe kann den Hass heilen.

 

Die verschiedenen Gedichte und Erzählungen zeigen alle ihren ganz besonderen Blickwinkel auf diese Thematik. Während „Die Rose“ von der klassischen, romantischen Liebe berichtet,  zeigt sich die Liebe im „Anfang vom Ende“  in der Freundschaft.  Das Gedicht „Aus dem Leben eines Menschen“ beeindruckt und erinnert an „Nachtgedanken“ von Heinrich Heine. Beide zeigen die Vaterlandsliebe eines Mannes fern der Heimat. Aber auch Ereignisse aus den Medien inspirierten zu Geschichten,

wie z.B. die Erzählung „Dunkle Augen“, in der Liebe auch kranke Züge annehmen kann.

„Liebe und Hass“ kann viel bedeuten und auf viele verschiedene Weisen auftreten. Nun ist es an Ihnen zu entscheiden, was Sie aus diesen Eindrücken gewinnen. Welche Botschaften werden Sie in den Texten entdecken? Jeder wird auf seine Weise richtig liegen. Entscheidend ist, dass wir immer daran glauben können, was Liebe erreichen kann, egal wie groß der Hass auch sein mag.

Ganz im Sinne von Polydore Vergil: „Die Liebe besiegt alles“.

 

 

 

Schreibprojekt im Lk Deutsch KS 13

Erinnerungen

Jeden Tag mit dir verbracht

Tag und Nacht an dich gedacht

So lieg ich hier im Bett allein

Und habe Zeit zum Traurigsein.

 

Erinnerungen kommen auf

Die Zeit nimmt weiter ihren Lauf

Und doch bleib ich allein zurück

Und habe auch kein bisschen Glück.

 

Ich schließe meine Augen nieder

Im Kopf seh`ich die Bilder wieder

Wie du und ich zusammen waren

Und Dinge sich uns offenbaren

 

Gründe lassen sich kaum finden

Ich brauche Zeit zum Überwinden

Und doch sehn ich mich so nach dir

Ich will jetzt nur noch weg von hier

 

Das Schicksal hat es so gedacht

Und sowas dann mit mir gemacht

Dass ich jetzt alleine bin

Hat das alles einen Sinn?

 

Die Erinnerungen verblassen

Warum konnten wir‘s nicht lassen

Am Ende ist man doch allein

Und hat nur Zeit zum Traurigsein.

 

 Carina Seifert

 

 

 

 

 

 

Der Ruf

 

 

Mitten im Alltag geschah es. Es blieb einfach stehen, es schlug nicht mehr. Es war wohl vor lauter Kälte müde geworden, nichts konnte es mehr wärmen.

Er wusste, dass es passieren würde. Aber schon so früh? Solche Fälle hörte man doch nur von überlasteten Managern oder von alten Menschen. Und doch war es passiert. Zwischen all den Schülern im Flur fiel er schließlich in sich zusammen, als hätte man ihm den Stecker gezogen. Die ersten Mitschüler blieben stehen und starrten den bewegungslosen Körper nur an, weiter taten sie nichts, absolut nichts. Starren aus Faszination. Erst einer seiner Freunde begutachtete den auf den Boden liegenden Jugendlichen. Er fühlte den Puls, nur um völlig schockiert festzustellen, dass da keiner war. Er sprang auf, griff beinahe automatisch nach dem Handy und wählte die Notrufnummer. Mit zittriger Stimme nannte er den Ort und seine Beobachtungen. Mehr konnte er nicht tun, denn von Erster Hilfe hatte er keine Ahnung.

Die Ambulanz kam diesmal sogar schnell. Der Kreis von Schaulustigen um den beinahe Toten hatte nun eine immense Größe erreicht, es waren so viele, dass an ein Durchkommen durch den Schulflur nicht zu denken war. Und der Freund? Er war schon vor Minuten gegangen, er konnte und wollte seinen Freund nicht sterben sehen.

Auch sie hat es gehört, auch zu ihr kam die Schreckensnachricht durch. Sie fragte sich, warum es ausgerechnet heute geschehen sollte, an dem Tag, wo sie endlich ihren Mut zusammennehmen wollte. Seltsamerweise hatte sie es sogar geschafft durch den scheinbar undurchdringbaren Ring der Gaffer durchzustoßen, um ihn zu sehen. Sie hörte die Notärztin fluchen „ Wir verlieren ihn! Ist denn keiner seiner Freunde da? Kennt ihn einer von euch?“ Bei diesen Worten wich der Ring zurück, niemand will den Jugendlichen kennen. Nur Jenny wich nicht zurück, ob aus Zivilcourage oder aus Schock ist nicht zu bestimmen. Anfangs merkte sie gar nicht, wie die Notärztin sie herwinkte, erst bei ihren verzweifelten Worten „Hey, Sie junges Mädchen, wollen Sie Ihren Freund nicht helfen? Nun kommen Sie schon her!“ reagierte sie und hockte sich zur Ärztin und dem Jungen, der ihr doch so viel bedeutete. Sie kam nicht einmal dazu zu fragen, was sie tun solle, denn die flinke Ärztin instruierte sie in Windeseile.

„Nehmen Sie seine Hand, sprechen Sie ihn an, schreien Sie meinetwegen, tun Sie alles, damit er weiß, dass Sie für ihn da sind, während wir weiter versuchen ihn wiederzubeleben! Geben Sie sich Mühe, es hängt auch an Ihnen, ob er noch eine Chance hat!“

An ihr? Da liegt er nun, der Mensch, an den sie in letzter Zeit so oft denken musste, und sie soll ihm helfen. Jenny war mit der Situation absolut überfordert, doch trotzdem gab sie sich redlich Mühe. Sie rief seinen Namen, zögerlich und schwach. Anhand der Reaktionen der Ärztin konnte Jenny aber keine Besserung erkennen. Seine  Hand, die sie erst zögerlich gepackt hatte, hielt sie nun mit fester Entschlossenheit mit beiden Händen und drückte sehr stark zu. Wäre er wach gewesen, hätte es ihm wohl geschmerzt. Die Sekunden vergingen rasch, aber der Notärztin und Jenny kamen es vor wie Stunden, die nie enden wollten. Noch immer flüsterte Jenny kaum hörbar, sie erzählte alles, was ihr gerade einfiel, und wurde langsam immer lauter, sofern es ihre zarte Stimme zuließ. Keine Änderung. Schließlich zeigten die Geräte den Tod und die Ärztin schüttelte resigniert den Kopf.

 Jenny entging das alles nicht. Sie erfasste ein unglaublicher Druck, als würden Tonnen von Lasten auf ihr liegen. Hatte sie gerade einen Menschen verloren, einen Menschen, der ihr soviel bedeutete? Warum heute? Sie wollte ihm doch noch soviel sagen. Ist all ihr Zögern nun zum Verhängnis geworden? Kann man gar nichts mehr tun? Mit einem Blick voller Tränen blickte sie fragend zur Ärztin, die abermals den Kopf schüttelte.

 Jenny sah sich den Jungen noch einmal an, aber ihre Hoffnung, dass er sich bewegen würde und fröhlich wieder aufstehen würde, wurden enttäuscht. War wirklich alles vorbei? Aber hatte nicht gerade er immer gesagt „ Es gibt immer noch eine Chance!“?

Erschöpfung, Trauer und auch Wut auf sich selbst, dass sie solange gewartet hatte, machten sich breit. Der emotionale Druck, der auf ihr lastete, machte sich schließlich in heftigem Zittern bemerkbar. Ihr Blick verlor an Fokus. Doch dann passierte alles ganz schnell, wie bei einer Maschine völlig automatisch, als wäre es das normalste der Welt: Sie bäumte sich auf, ihre Augen weiteten sich und fixierten den Jungen,  sie atmete tief ein und schrie! Sie schrie aus tiefster Seele, so laut, dass alle Beteiligten zusammenzuckten, selbst die lockere Notärztin fuhr zusammen. Sie schrie die Worte, die sie ihm vor langer Zeit sagen wollte. Damit hatte keiner gerechnet, nicht die Ärztin, nicht die Schaulustigen und selbst Jenny hatte damit nicht gerechnet. Es entstand eine Stille, in der man sogar das Gras hätte wachsen hören können. So leise war es wohl noch nie in der Schule. Alle Augen ruhten nun auf Jenny und dem  scheinbar toten Jungen. Als sie schließlich realisierte, was sie da gerade eben durch das ganze Schulhaus gebrüllt hatte, glühte ihr Gesicht vor Scham ganz rot auf. Das war zuviel für sie, einfach unerträglich peinlich. Sie wollte schon aufspringen und wegrennen, als in die entstandene Stille plötzlich ein Geräusch eintrat, auf das alle lange gewartet hatten. Ein Herzschlag! Der Herzschlag selbst war natürlich nicht zu hören, aber die Maschine welche die Herzschläge des Patienten anzeigte.  Es folgte ein zweiter, ein dritter und noch unendlich viele mehr. Der Junge kam zurück ins Leben und die Geräte bestätigten dies. Jenny konnte es nicht fassen, hatte er etwa gehört,   was sie gesagt hatte? Hat sie ihn mit ihrem Geständnis erreicht? Fassungslos hockte sie neben den Jungen, immer noch nicht begreifend, was vor sich ging.  Die Erschöpfung hatte sie schließlich doch erwischt und nun sank sie in sich zusammen, weinte vor sich hin, vor Freude und Erschöpfung. Sie weinte lang und viel, beinahe hätte sie sogar verpasst, wie man ihn abtransportierte. Sie rannte dem Notfallteam hinterher und bestand darauf mitzukommen. Doch die Ärztin lehnte ab. Er brauche nun Ruhe, und sie, die junge Heldin, solle sich doch jetzt auch ausruhen. Jenny verstand die Sorge der Ärztin, doch jetzt, wo sie ihm alles gesagt hatte, wollte sie unbedingt bei ihm sein. Obwohl, wer weiß, ob es nicht Zufall war und ob er sie überhaupt gehört hatte! Vielleicht wäre es doch besser kein Wort darüber zu verlieren. Enttäuscht wollte Jenny  sich umdrehen und gehen, als sie plötzlich ihren Namen hörte. Ganz schwach, aber dennoch deutlich genug um ihn zu verstehen. Es war der Junge, der sie von der Trage aus rief. Sie ging ganz nahe an die Trage heran um ihn besser zu verstehen, aber er war immer noch zu leise. Die Ärztin musste bei dem Anblick lachen: „ Nicht so schüchtern, du hast gerade sein Leben gerettet, geh doch näher ran, sonst verstehst du ihn nicht!“

Noch näher ran, ganz nah an sein Gesicht. Aber sie war doch so schüchtern! Es half nichts, wenn sie ihn verstehen wollte, musste sie ihre Schüchternheit überwinden. Und sie tat es. Sie war absolut nervös, ihr Herz raste! Was würde er jetzt wohl sagen? Hat er doch alles gehört? Vor Nervosität blieb ihr Herz sogar für einige Sekunden stehen; erst als er anfing zu reden, schlug es hastig weiter.

Ihre Fragen wurden beantwortet, er hatte sie deutlich gehört.

Als er fertig war, transportierte man ihn ab, und die Ärztin verabschiedete sich von der tollkühnen Heldin, die vor der ganzen Schule ihre Gefühle offenbarte nur um einen Freund zu retten. Nachdem die Ambulanz weg war und sich die Aufregung gelegt hatte, verschwanden auch die Schaulustigen, als wären sie nie da gewesen. Später werden sie erzählen, was sie nicht alles zu der Rettung des Jungen beigetragen hatten, obwohl sie nie etwas getan hatten. Aber das war eben die Natur der Gaffer. Und Jenny? Verträumt schaute sie dem Ambulanzwagen hinterher, immer noch die Worte des Jungen in den Ohren tragend

„ Mein Herz dankt dir Jenny, es hörte endlich die drei Worte, auf die es so lange gewartet hatte, endlich fand es die Wärme, die es so lange vermisste. Wenn einer es als Geschenk verdient hat, dann du, in deinen Händen ist es gut aufgehoben. Ich würde mich freuen, wenn du es annehmen würdest, bis dann…“

                                                                                  Danny Meixner

 

Dunkle Augen

 

Für ihn war es wie ein zweiter Frühling. Sie weckte in ihm Gefühle, die er vorher noch nie gefühlt hatte. Ihr ganzes Wesen, ihre ruhige Art, ihre atemberaubende Schönheit und ihr zartes Alter wirkten anziehend auf ihn, wie ein Magnet. Er konnte nie von ihr ablassen, war wie besessen von ihr. Seine Gedanken kreisten nur um sie und die Vorfreude auf das nächste heimliche Treffen brachte ihn fast zum Platzen. Das war aber nicht immer so gewesen.

Er kannte sie schon seit zehn Jahren, jedoch beachtete er sie nie wirklich und redete nur das Nötigste mit ihr. Früher war sie noch sehr flippig, wollte alles ausprobieren, redete wirre Sachen und ging ihm einfach auf die Nerven. Er wollte so viel Abstand wie möglich zu ihr, doch wegen ihrer Wohnlage war ein tägliches Wiedersehen unvermeidlich. Ihre offene und freundliche Art wirkte so aufdringlich und bedrückend auf ihn, dass er beschloss auszuziehen.

Es war wie eine Last, die von seinen Schultern fiel, die zuvor drohte ihn zu erdrücken. Nach dem Auszug lebte er sein Leben ausgelassen und wild, ging auf zahlreiche Partys, machte etliche Bekanntschaften, viele davon mit Frauen, und diese auch meistens nur für eine Nacht. Er verschwendete kaum einen Gedanken an sie. Sie war wie gestorben für ihn. Er war glücklich und frei.

Zwei Jahre hatte er sie nicht gesehen, als er plötzlich eine Geburtstagseinladung in seinem Briefkasten fand. Die Einladung war von ihr. Nach langem Überlegen beschloss er zu erscheinen. Seine Gefühle waren durcheinander, da er einerseits nicht glaubte, dass sie sich geändert hatte, andererseits war er neugierig. Und er wurde nicht enttäuscht. Als sie ihm mit einem breiten Grinsen die Tür öffnete, traf ihn die Überraschung mit voller Wucht. Sie war einfach wunderschön. Ihre kleine, zierliche Figur, ihre braunen langen Haare, glatt und glänzend wie Seide, die ihr leicht rundes Gesicht perfekt umspielten. Ihre großen, dunklen Augen fesselten seinen Blick, sodass er dachte, er könne nie wieder von ihnen wegblicken.

Der Nachmittag verging rasend schnell. Die Stimmung war locker, obwohl er sich nicht besonders gut mit ihrer Mutter verstand. In der Vergangenheit hatte er einige Auseinandersetzungen mit ihr, doch das störte ihn jetzt nicht mehr. Er war nur wegen ihr hier, und eines stand fest: Er würde sie wiedersehen. Nach einigen Wochen, in denen er sie immer anrief, Briefe schrieb und keine Sekunde an etwas Schöneres als an ihre dunklen Augen denken konnte, beschloss er sich mit ihr zu treffen. Er lud sie zu sich nach Hause ein, in eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses. Es war unter der Woche und sie konnte erst am Nachmittag zu ihm kommen. Da er wegen seinem wilden Lebenswandel vor elf Monaten seinen Job verlor und den ganzen Tag nichts zu tun hatte, erschien ihm die Wartezeit auf das Objekt seiner Begierde schier unendlich. Sie sollte ihn nicht nur einfach besuchen, nein, er hatte etwas ganz Besonderes für sie geplant. Er wollte sie verwöhnen, ihr ein Gefühl von Geborgenheit, Schutz und Sicherheit bieten, sie rundum glücklich und zufrieden machen und ihr sagen, dass er sie liebt, dass er mehr will.

Als sie um Punkt drei Uhr vor seiner Wohnungstür stand, war er so aufgeregt, dass er fast vergas zu atmen. Ebenfalls rang er um Luft, als sie ihn mit einer herzlichen Umarmung begrüßte und den schmalen Flur entlang lief, während ihr süßlich reizender Duft an ihm vorbeischwebte. Kaum hatten sie in der Küche Platz genommen um zu essen, begann sie auch schon sämtliche Ereignisse ihres Tages zu erzählen und keine Kleinigkeit auszulassen. Er saß ihr gegenüber, unfähig zu essen, zu denken oder zu atmen. Er verstand kein Wort, von dem, was sie sagte, da er nur in ihre großen unschuldigen dunklen Augen blicken konnte, die seine Gedanken fesselten. Er wollte sie für immer bei sich haben, diese Augen, dieses Lächeln und dieser Körper. Umso länger er sie betrachtete, desto stärker wurde sein Verlangen sie zu spüren, sie zu berühren, ihre langen glatten Haare, ihre zarten Lippen und dieser Körper. Er hatte einen Plan.

Nach dem Essen gingen sie eine Weile in den Park neben seinem Hochhaus, wo sich ein großer Spielplatz befand. Dort saßen sie auf einer Bank, beobachteten die Kinder beim Spielen und unterhielten sich. Als es langsam dämmerte und es kühler wurde, schlenderten sie gemütlich wieder heim und setzten sich auf sein Sofa um fernzusehen. Während sie ihre Lieblingssendung sah, rutschte er immer näher zu ihr und legte seinen Arm behutsam um ihre Schulter. Sie nahm das Angebot gerne an und schmiegte sich an seinen Oberkörper. Plötzlich ging alles ganz schnell. Er konnte sich nicht mehr länger zurückhalten und fiel über sie her. Er zerrte sie herum, riss ihr die Bluse auf und begann ihre Brüste zu streicheln. Er wollte nur sie, konnte an nichts anderes mehr denken. Er geriet immer mehr in Rage und wurde immer wilder und wilder und wilder. Sie schrie lauter und immer lauter, sicherlich vor Freude und Glück, und er glaubte sogar eine Freudenträne zu sehen. Nach dem Liebesakt waren beide so geschafft, dass sie nur auf dem Sofa lagen. Bestimmt eine Stunde genoss er die Stille und bewegte sich fast nicht. Er war so glücklich, so erleichtert und einfach so unendlich verliebt. Er drehte sein Gesicht zu ihr und blickte wieder in ihre großen weiten dunklen Augen. Einen kurzen Moment musste er überlegen, was er gerade sagen wollte, da er wie hypnotisiert war. „Ich liebe dich“, sagte er „und du bist mein.“, während er ihr mit seinem Finger über ihre schweißnasse Backe strich.

Ja, wenn er an ihr gemeinsames erstes Mal zurückdenkt, ist es wie ein zweiter Frühling für ihn. Dieses unvergessliche und berauschende Erlebnis ist jetzt fünf Monate her. Natürlich hatte sie versprochen es keinem zu erzählen, da ihre Mutter sicherlich Einwände hätte. Und außerdem war das eine Sache, die nur ihn und sie anging. Ein unvergessliches Erlebnis in die Köpfe zweier Menschen eingebrannt.

Heute war es wieder soweit. Sie kommt ihn wieder besuchen. Er wollte sie jetzt jede Woche sehen, jede Woche mit ihr intim werden und jede Woche in ihre dunklen Augen blicken, die ihm nach etlichen Monaten immer noch alle Sinne raubten. Ja, er dachte gerne an ihre Geschichte, wie sie begonnen hatte und dass er wollte, dass sie niemals enden würde. Es war wieder Punkt drei Uhr und es klingelte an der Tür. Sie war da. Er spürte, wie die ganze Anspannung von ihm abfiel und die Vorfreude auf sie nicht mehr zu steigern war. Freudig und willig öffnete er die Tür, blickte in ihre atemberaubenden dunklen wunderschönen Augen und fragte: „Na, mein kleiner Schatz? Hast du Papa auch vermisst?“

 

                                               Fabienne Yildirimer

 

 

 

Man muss es fühlen

 

Ich kam gerade aus der Koranschule und freute mich schon wie ein kleines Kind auf Murat. Er war immer nach seiner Arbeit als KFZ-Mechaniker bei meinen Eltern - die irgendwann seine Schwiegereltern sein sollten - und mir, und half uns in unserem Laden, der zur Zeit leider ziemlich schlecht lief. “Frisches Obst und Gemüse aus der Türkei ist wohl nicht so beliebt wie das Abgepackte, ´Germanipolierte`- oder wie das noch mal hieß…?”, bedauerte mein Vater die momentan ungünstige Lage. “´Genmanipuliert` heißt das, Baba”, korrigierte ich ihn regelmäßig mit einem Augenzwinkern. Es machte meinen Eltern schwer zu schaffen, dass ihre Existenz zu scheitern drohte, und sie setzten deshalb große Hoffnung in meinen Murat, der meine Familie und mich nach abgeschlossener Ausbildung und einer Heirat mit mir finanziell unterstützen sollte, wie das ja bei uns so üblich ist. Sie mochten ihn - wie ich - sehr gerne und schätzten ihn vor allem für seine Geradlinigkeit, sowohl in Bezug auf seine berufliche Karriere als auch auf das religiöse Verhalten, das er nur nach außen hin scheinbar perfekt zu verkörpern schien. Ich aber wusste es besser. Dass wir unsere Liebe zueinander schon jetzt körperlich auslebten, durften unsere Familien aus gutem Grund nicht einmal ahnen. Trotzdem war es für uns das Erlebnis wert und aufregend, besonders weil uns vor nicht allzu langer Zeit dabei ein kleines Missgeschick passierte. Dem schenkten wir jedoch keine weitere Beachtung, schließlich kann so etwas schon einmal vorkommen.

 

Als ich dann endlich nach einem wieder mal langen Tag zuhause war, legte ich meinen Koran ab, machte mich frisch für Murat und ging wie immer hinunter in unseren kleinen Laden. Hinter der Theke stand er schon und beriet gerade eine Kundin. Ich freute mich sehr, ihn zu sehen. Er sah so gut aus und war dazu noch so ein lieber junger Mann. Es war, als wären tausende Schmetterlinge in meinem Bauch zugange. Einen kurzen Moment lang stand ich einfach nur da und beobachtete ihn mit freudigem Herzklopfen. Als er mich bemerkte, legte er seine Schürze ab, verabschiedete sich zwinkernd von meinen Eltern und nahm mich an die Hand. “Was hast du vor?”, fragte ich ganz perplex. Normalerweise halfen wir gemeinsam jeden Abend zwei bis drei Stunden, aßen dann entweder bei seiner oder meiner Familie zu Abend und gingen schlafen. “Ich will dir etwas zeigen!”, sagte er völlig euphorisch und aufgeregt. Wir gingen hinaus und er führte mich um die Ecke. “Das ist mein neuer Wagen, Bahar!”, begann er ganz freudig zu berichten. “Mein Vater hat ihn mir heute geschenkt, weil wir doch zu meinem 18. Geburtstag in finanziellen Schwierigkeiten waren. Er ist aber so stolz auf mich, weil ich meine Ausbildung so gut meistere und die Familientradition somit weiterführe, dass er alles Ersparte für diese tolle Maschine genommen hat, um mir seinen Stolz zu zeigen und mir diese große Welt ein bisschen zu öffnen. Ist das nicht fantastisch?!” Diesen leuchtend roten Lack von Murats neuem Auto werde ich nie vergessen.

 

In den nächsten Wochen fuhren wir viel umher, besuchten Verwandte von außerhalb, Freunde, oder gingen einfach mal spontan Essen. Das Wetter war gerade sehr schön und wir konnten sogar mit offenem Verdeck durch die Straßen rauschen, wobei ich besonders beim Beschleunigen immer so ein leichtes Bauchkribbeln verspürte. Ein sehr lustiges Gefühl, wie ich fand. So hohe Geschwindigkeiten war ich mit unserem Kleinwagen einfach nicht gewohnt. Es machte mir immer unheimlich Spaß die Haare im Wind wehen zu lassen und den von seinen eigenen Fahrkünsten begeisterten Murat zu beobachten. Wir freuten uns beide wie kleine Kinder. Ich wünschte mir oft, schon alt genug zu sein, um selbst den Führerschein machen zu können, aber das hatte ja noch drei Jahre Zeit. Bis dahin genoss ich es, mit Murat die Welt zu erkunden.

Doch nach ein paar Wochen veränderte sich das. Es wurde allmählich Herbst, die Temperaturen begannen zu sinken, es regnete immer öfter und es machte mir plötzlich keine Freunde mehr, mit ihm rasant um die Kurven zu preschen und in kürzester Zeit auf der Autobahn zu beschleunigen. Das Bauchkribbeln schlug in Übelkeit um und mir wurde dann immer so flau im Magen. Ich hatte aber nichts anderes gegessen als sonst. “Ach Bahar, du bist doch noch in der Pubertät, da sind körperliche Veränderungen doch völlig normal”, beruhigte mich meine Mutter sanft, als sie mich erneut über der Kloschüssel antraf. “Sicherlich nicht der Rede wert.“ Sie hatte wahrscheinlich Recht, dachte ich mir und schluckte eine Tablette gegen Magenverstimmung.

Drei Tage später hatten wir Sport. Leichtathletik stand auf dem Plan. Ich freute mich riesig, da dies meine Spezialität ist. Da war ich einfach unschlagbar. Als das Zeichen für den fünfzig Meter Sprint ertönte, schoss ich los und rannte so schnell ich konnte. Meine zwei Mitstreiterinnen ließ ich schon nach wenigen Sekunden hinter mir, doch plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz in meinem Bauch. “Ach, nur der Magen in der Pubertät, Bahar”, rief ich mir Mutters Worte ins Gedächtnis und zwang mich zum Weiterlaufen, schließlich wollte ich weiterhin in dieser Kategorie unangefochten Erstplatzierte bleiben, aber meine Beine wollten einfach nicht mehr. Ich sackte zusammen und meine Erinnerung stoppte.

 

Vorsichtig öffnete ich meine Augen und sah ein kaltes, weißes Licht. Der Geruch war sehr unangenehm, so steril. Das Bett, in dem ich mich wiederfand, kannte ich nicht. Neben mir stand ein Glas mit Wasser, von dem ich einen Schluck nahm. Als ich langsam zu mir kam, öffnete sich die Tür von dem Zimmer, in dem ich lag und eine Krankenschwester und ein Arzt kamen zu mir. Sie lächelten mich aufmunternd an und sagten den Satz zu mir, den ich ebenfalls nie mehr vergessen werde. “Du kannst ganz beruhigt sein, Bahar, dir und deinem Kind fehlt nichts, du hast dich lediglich überanstrengt.”

Mir schossen sofort die Bilder von unserem Missgeschick in jener Nacht durch den Kopf. Konnte das sein? Ich fühlte eine Art Kloß in meinem Hals, der mir die Luft abzudrücken versuchte. Das Atmen fiel mir sichtlich schwerer, was auch der Arzt zu bemerken schien. “Hast du davon etwa noch nichts gewusst? Ganz ruhig, Bahar, die ärztliche Schweigepflicht bindet uns daran, dass wir es nur dir sagen oder nur mit deiner Einverständnis auch Dritten.” Damit hat er es auch ziemlich genau auf den Punkt getroffen. Was sollte ich nur tun? Tränen rollten warm und langsam über meine Wangen. Ich war schwanger. Und fünfzehn. Was wird aus mir und meinem Schulabschluss? Ich erwartete ein Kind. Meine Familie. Mein Murat. Er sollte es wissen. Er war ein guter Junge. Und er war der Vater. Aber meine Familie, sie wird mich verstoßen, weil ein Kind das verbotene Verhalten von Murat und mir ans Tageslicht bringen würde. Ich hörte ein Klopfen, die Tür ging erneut auf und riss mich aus meinen ängstlichen und vor allem sorgenvollen Gedanken. Der Arzt verließ den Raum mit einem Ausdruck der Eile und meine Eltern kamen zusammen mit Murat herein. “Wir haben schon von der Schule einen Anruf bekommen und sind so schnell wir konnten hierher gefahren. Murat war so nett und hat uns mit seinem neuen roten Auto mitgenommen. Das ist ja wirklich ein schöner Wagen, nur leider für uns nie möglich…. Was hast du bloß gemacht, mein Kind?” Ich fing an zu zittern. Wussten sie es etwa doch schon? Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. “Ein Schwächeanfall, hat doch der Arzt vorhin gesagt. Wie es dazu kam, müsste Bahar selbst wissen. Das hat er uns doch vorhin alles erklärt!”, sagte mein Vater langsam und deutlich. Es schien, als sei meine Mutter wohl ziemlich durch den Wind. Sie sah auch so furchtbar besorgt aus, aber wenigstens wussten sie es noch nicht. Ich selbst wusste es ja erst seit gerade eben. Puh, jetzt liegt es also an mir. Nein, sie durften es einfach nicht wissen, da ich doch ihre Meinung über junge Mädchen, die in meiner Situation waren, kannte. Sie sprechen sich eher für eine Behandlung aus, die in meinem Schwangerschaftsstadium wohl sogar noch möglich sei, doch darüber würde ich später nachdenken. Bei ihrer eigenen Tochter würden sie dann sicherlich keine Ausnahme machen, da war ich mir ganz sicher. Gerade sie nicht. Ich fühlte mich auf einmal sehr allein. “Ich habe während dem Sport einfach zu wenig getrunken, das war die Ursache”, gab ich mit gespielter Leichtigkeit an. “Nicht der Rede wert”. Am nächsten Abend wurde ich entlassen, mit dem Verweis auf einen Frauenarztbesuch. Sollte ich da hin gehen? Ich hoffte auf Murats Begleitung. Er war doch so ein lieber Junge. Wir trafen uns am Abend wie gewohnt und diesmal nahm ich seine Hand und führte ihn aus dem Geschäft ein paar Straßen weiter in einen Park. “Murat, ich muss mit dir reden”, begann ich vorsichtig. “Du weißt doch, unser Missgeschick vor ungefähr acht Wochen. Murat, die Übelkeit und mein Zusammenbruch sind die Folgen davon. Ich bin schwanger.” Für einen Moment herrschte Regungslosigkeit und Stille. Seine Mimik war aber gleichzeitig nicht so, wie ich sie erwartet hatte. “Nein Bahar, du musst sagen, dass du schwanger gewesen bist, weil ich lasse mir davon nicht meinen Ruf ruinieren.” Ich wurde nervöser. Was meinte er bloß damit? “Was soll das heißen, Murat?”, stotterte ich mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen. “Was das heißen soll?” Er sprach, wie ich ihn noch nie sprechen gehört hatte. So voller Überzeugung, als würde ich eine Selbstverständlichkeit einfach nicht begreifen. Aber auch hörte ich zugleich Kälte heraus. “Bahar, du kannst das Kind nicht behalten, weil dann aufgedeckt wird, dass wir verbotenerweise miteinander geschlafen haben! Das bricht uns beiden das Genick, wenn unsere Familien davon erfahren! Es geht hier um die Ehre! Denk doch bitte einmal an unsere Tradition! Wir sind nicht verheiratet und du bist minderjährig! Das ist ein wahnsinniges Vergehen!” Er wurde zunehmend wütender und warf mir einen Blick zu, der mir sagen wollte: ”Bitte Bahar, sieh das doch ein” und ging. Er ließ mich einfach allein mit meiner Verzweiflung. Sein letzter Satz war voller Panik und Hoffnung in mich. Ich begann, völlig unbeherrscht zu weinen. Es war das erste Mal nach dieser einschlagenden Nachricht im Krankenhaus.

 

Am nächsten Tag fiel mir der Verweis auf einen Besuch bei meiner Frauenärztin wieder ein und ich machte mich sofort auf den Weg dorthin. Ich war noch von der Schule befreit und meine Eltern und Murat waren mit der Arbeit beschäftigt, deswegen konnte ich unbemerkt das Haus verlassen. Dort angekommen, wurde ich nach kurzer Zeit aufgerufen und begann, mir schon einmal die Worte für eine plausible Erläuterung zurechtzulegen, da ich befürchtete, dass mir meine Nervosität einen Streich spielen wollte und ich mit schweren Vorwürfen zu rechnen hatte. Die Ärztin reagierte jedoch sehr gefühlvoll und ich spürte das Verständnis, wonach ich mich so sehr sehnte. Sie schlug vor, das Kind im Ultraschall zu untersuchen und mir gleichzeitig das erste Mal zu zeigen. Das war für mich eine sehr ungewohnte Vorstellung, aber ich war einverstanden. Während der Untersuchung konnte ich meinen Augen kaum trauen. Das, was dort auf dem Bildschirm pochte, war nicht etwa mein Herz. Nein, es war das Herz von einem kleinen Wesen, das mein Kind sein sollte. Ich konnte es kaum fassen. Es war so fremd, aber auch so ein wunderschönes Gefühl. Es gab da nun etwas, das also einfach zu mir gehörte. Ich erklärte danach der Ärztin meine schwierige familiäre Situation und wurde gut über Hilfemaßnahmen und -einrichtungen informiert. Ein Gefühl von Sicherheit breitete sich in mir aus.

Der Tag darauf jedoch war jedoch weniger erfreulich, denn ich fühlte mich so furchtbar im Stich gelassen. Murat nahm mich zur Seite und fragte, wie denn nun meine Entscheidung aussähe, woraufhin ich ihm erklärte, wie der Termin am Tag zuvor verlief und mir erst dort richtig bewusst wurde, dass ich echtes, wahres Leben in mir trug, für das ich mich nun verantwortlich fühlte, was ihn jedoch überhaupt nicht berührte. Er wurde plötzlich sehr aufbrausend und gab mir zu verstehen, dass er das so nicht hinnehmen wolle.

Die folgenden Tage kam er immer wieder zu mir nach Hause, fing mich sogar mit seinem auffällig leuchtenden Wagen auf meinem Schulweg ab, nur um mich umzustimmen und mich zu einer Abtreibung zu drängen.

Wenn ich ihn einmal nicht sofort sah, hupte er und jagte mir von hinten einen Schrecken ein, vielleicht um mich zu verängstigen. Er gab einfach keine Ruhe und wollte sich mit dem Gedanken, Vater zu werden, absolut nicht abfinden. Murat hatte ja Recht, mit seinem Gerede von Tradition und kulturellen Werten, das sah ich ein. Aber ich fühlte weiterhin, dass sich etwas veränderte, das nicht mit der Pubertät zusammenhing, sondern mit dem, was jetzt in meinem Bauch war, und das ließ mich all die Ängste vor der Zukunft vergessen. Das wird mal ein Mensch! Ich konnte es fühlen, obwohl da ja eigentlich noch gar nichts “Richtiges” war. Ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, sein eigenes Kind in den Armen zu halten, zu betrachten und zu philosophieren, wem es ähnlich sieht. Und das sollte ich beenden? Den Anfang von einem vielleicht wunderschönen neuen Leben zerstören? Ich wusste nicht, ob ich das schaffe und ich wollte es auch gar nicht mehr schaffen, seit ich dieses winzige Etwas hautnah auf dem Bildschirm sehen konnte. Es ist ja schon jetzt ein Teil von mir. Aber es wird auch der Einzige sein, wenn alle anderen davon erfahren. Sie werden mich nicht unterstützen, ich kannte meine Eltern. Murat bewies mir ja durch sein Verhalten und seine Drohungen, dass er nicht zu mir hielt. Ich dachte ja auch, dass er mich liebte. Ich müsste da allein durch.

Ich setzte mich wortlos zu meiner Familie an den Tisch und aß nachdenklich und schweigend zu Abend. Niemand schien etwas zu bemerken und die Stimmung war ausgelassen bei den anderen. Auch bei Murat. Er besuchte uns ja weiterhin, um sich nichts anmerken und irgendjemanden Verdacht schöpfen zu lassen. Er schien sich sicher zu sein, dass seine Verfolgungen mit seinem rot lackierten Auto und die aus dem Fenster gerufenen Sprüche mich dazu getrieben haben, dass ich das Kind nicht bekommen werde und wir beide fein aus der Sache heraus kommen. Deshalb die Ausgelassenheit und das arrogante Verhalten mir gegenüber. Doch mich bewegte das alles nicht. Das einzige, woran ich nun meine Gedanken verschwendete, war mein Kind. Mein noch ungeborenes Kind. Ich gewöhnte mich an den Gedanken und begann allmählich, Glücksgefühle zu empfinden. Ich spürte eine enge Verbindung zu ihm oder ihr, weil ich doch solch eine große Verantwortung dafür trug. Alles außen um mich herum wurde deswegen so unwichtig und zweitrangig. Tag für Tag freute ich mich trotz der anhaltenden Verfolgungen und Drohgebärden Murats immer mehr über meine Entscheidung und begann, Hoffnung zu schöpfen, meinen Eltern doch alles zu erzählen, denn jedes Mal, wenn Murat mir riet, genau über alles noch einmal nachzudenken, fühlte ich es: Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind kann helfen, alle Hürden zu überwinden. Vielleicht fühlte ja meine Mutter auch so.

 

                        Franziska Schmuck

 

Manchmal

 

Sie saßen sich gegenüber. Es war ein kleiner Tisch. Die Holzplatte war abgeschabt von den vielen Gläsern, die hier gestanden haben mussten. Gefüllt mit Bier und anderen Getränken hatten sie vorsichtig Schicht um Schicht abgetragen. Die Maserung des Holzes trat leicht hervor. Das Licht spiegelte sich leicht auf der seidigen Oberfläche. Obwohl es Nachmittag war, drang hier nur wenig Helligkeit herein. Sie saßen zu weit weg von dem großem Fenster und der Tür. Dort drang das helle Sonnenlicht in den Raum und erfüllte ihn mit einer wohligen Wärme. Die eigentliche Beleuchtung kam von der kleinen Lampe, die über dem Tisch baumelte. Sie war eigentlich nur ein kleiner sandgestrahlter Lampenschirm, in dem eine Halogenbirne brannte. Über jedem der kleinen Tische hing solch eine Lampe. Da die Lampen tief hingen, blieb der Raum trotzdem schummrig beleuchtet. Nur die Tischflächen bekamen ausreichend Licht.

Es war so gut wie leer. Vorne am Fenster saßen zwei Jugendliche. Sie unterhielten sich angeregt. Aus den einzelnen Wortfetzen, die er aufgeschnappt hatte, folgerte er, dass sie sich übers Skaten unterhielten. Sie sahen auch so aus, als ob sie skaten würden. Der eine trug eine rote Käppi von Emerica. Auf dem T-Shirt des anderen prangte das Logo von Vans. Aber das musste nichts zu bedeuten haben. Die Skatemarken hatten sich längst in der normalen Modebranche etabliert. Auf ihrem ebenfalls abgewetzten Tisch standen zwei Bierflaschen. Sie waren beinahe leer. Sie waren vielleicht 17. Vielleicht auch jünger. Der mit dem Vans T-Shirt holte eine Packung Zigaretten hervor. Er bot dem anderen eine an.

Er selbst wandte den Blick zurück auf die Tischplatte. Im Umkreis seines Glases waren vier Wasserringe auf dem Tisch. In seinem Glas war kein Bier. Er trank Ginger Ale. Jedes Mal, wenn er einen Schluck genommen hatte, musste er das Glas an eine andere Stelle zurück gestellt haben. Das Kondenswasser musste am Glas herunter gelaufen sein und die Ringe auf das Holz gezeichnet haben. Er nahm es zwischen Daumen und Mittelfinger und drehte es langsam auf der Stelle. Die Eiswürfel im Glas klirrten leise, als sie an das dünne Glas stießen. Aus dem Augenwinkel konnte er den Barkeeper hinter dem Tresen lehnen sehen. Er war so um die 30, hätte er geschätzt, doch wegen des Dreitagebarts konnte er sich auch verschätzen. Die Kellnerin stand neben ihm. Ihre langen blonden Haare fielen ihr über die Schulter. Sie rauchte nicht. Das schwarze einfache Shirt, das sie trug, stand ihr ausnehmend gut. Er fand sie hübsch. Sie strahlte Souveränität aus.

„Was hast du jetzt vor?“ Er hob den Blick. Er schaute in ihre grünen Augen. Er lächelte leicht. „Ich weiß es noch nicht so genau. Erstmal werd ich Zivildienst machen müssen. Und dann muss ich mal schaun. Aber ich hab ja noch etwas Zeit. Und du? Willst du  immer noch Ärztin werden?“ Sie hielt kurz inne, als würde sie überlegen, bevor sie antwortete. „Ja, ich denk schon. Aber ich weiß nicht, ob ich einen Studienplatz bekommen werde. Der Andrang ist ziemlich hoch und so gut ist mein Abi dann auch nicht.“  Sie nahm ihr Glas in die Hand und nippte daran. Wieder einmal fielen ihm ihre schlanken anmutigen Hände auf.  Seine eigenen waren dick und grobgliedrig. Er trank auch einen Schluck. Er hatte einmal gelesen, dass dieses gleichzeitige Trinken ein unbewusstes Signal der Zuneigung war. Vorsichtig stellte er das Glas auf die Tischfläche. Diesmal achtete er darauf das Glas auf einem der Wasserringe abzustellen. „Wenigsten weißt du schon, was du machen willst“.  Er sah sie wieder an. „Ich kann mich immer noch nicht so richtig entscheiden. Entweder ich werde reich oder ich werde berühmt.“ Sie lachte. Es war ein schönes Lachen, klar und hell. Er lächelte sie an. „Du hast dich also immer noch nicht zwischen Jura und Schauspieler entschieden?“ fragte sie mit einem leicht ironischen Unterton. „Nein, noch nicht wirklich.“ – „Gut, dann werde ich Ärztin und zahl die Miete und du wirst Schauspieler und nimmst mich mit auf die Premieren!“ Zu gerne hätte er es ernst genommen. Sie machte viele solcher Andeutungen, eindeutige Andeutungen. Bei jeder anderen hätte er es als Interessensbekundung gedeutet. Doch sie kannte er schon zu lang. Jedes Mal, wenn sie sich begegneten, hatte er das Gefühl, das die Luft knisterte. Als würden sie beiden von einer tiefen Leidenschaft angezogen, die nur durch eine seidenpapierdünne Schutzwand zurückgehalten wurde. Allzu gern hätte er diese zerrissen, aber sie hielt leider stand. Er konnte nicht sagen, warum. Es war, als würde sie von irgendetwas zurückgehalten. Als würde sie nicht wissen, ob er das Gleiche empfände. Es war eine Art anhaltender Flirt zwischen ihnen, und dies nun seit den zwei Jahren, die sie sich mittlerweile kannten. „Und dann kaufen wir uns ein Reihenhaus und einen Hund und machen 1,4 Kinder und werden glücklich.“ Über seine Erwiderung brach sie erneut in ihr klares Lachen aus. Er betrachtete sie mit einem resignierten Lächeln. Sie war schön. Ihre hellbraunen Haare umrahmten ihr fröhliches Lächeln. Er hätte sie gerne geküsst. Sie sah im spielerisch lasziv in die Augen. Er wandte den Blick ab. Der Barkeeper stand immer noch ins Gespräch vertieft mit der Kellnerin. Die Wand hinter seinem Rücken wurde zum Teil von einem Regal bedeckt. In diesem Regal waren die Schnapsflaschen und Gläser verstaut. Er betrachtete die einzelnen Flaschen. Alle hatten sie verschiedene Formen und Farben. Es gefiel ihm, wie sie dort aufgereiht standen. Ohne Ordnung und jede mit einer anderen Füllung. Er mochte diese Vielfalt. Auch die verschiedenen Gläser mochte er. Wie sie im Lichteinfall leicht aufleuchteten und glänzten. Verschiedene Formen und Größen. Manche hatten einen Aufdruck einer Spirituosenmarke. Der Rest der Wand war mit einem großen Spiegel bedeckt. Er sah sich selbst an dem kleinen Tisch sitzen. Vor ihm stand ein Glas Ginger Ale. Die dichten Haare hingen ihm leicht in die Stirn. Er sah sich selbst in die beinahe schwarzen Augen. Dann wanderte sein Blick weiter zu ihr. Lächelnd stellte er fest, dass auch sie ihn im Spiegel musterte. Vor ihr stand ein halbvolles Glas Cola. Afri Kola, die leere Flasche stand noch neben dem Glas. Er fand, dass sie ein gutes Paar abgeben würden. Sie trug ein türkises Shirt. Er hatte ihr dazu geraten, weil es ihm so gut an ihr gefallen hatte. Die Blicke trafen sich. Sie mussten darüber lachen, sich gegenseitig beim Mustern des anderen erwischt zu haben. „Weißt du jetzt eigentlich schon, wo du studieren willst?“ – „Ich weiß es noch nicht sicher, aber am liebsten würde ich nach Berlin gehen, glaube ich. Aber wie gesagt, ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt einen Medizinstudienplatz bekomm.“ – „Doch, ich glaub fest an dich.“ Grinsend hob er seine Hände und drückte die Daumen. „Und du? Wo wirst du deinen Zivildienst machen?“ – „Ich werd, denk ich, erst mal noch hier in der Gegend bleiben und mir ein lockeres Jahr machen. Die Hälfte der Leute sind ja eh noch hier.“ – „Aber ich nicht mehr!“ Sie zog eine Schnute. „Das ist ja doof!“ Er warf ihr eine Kusshand zu. Was fehlte denn zwischen ihnen beiden, warum waren sie nicht zusammen? Es war zu viel für eine einfache Freundschaft. Vielleicht hatten sie einfach den Anfang versaut und waren sich mittlerweile zu wichtig um es mit einer Beziehung aufs Spiel zu setzten. Mittlerweile hatte er resigniert und versuchte sich damit abzufinden, dass zwischen ihnen wohl nie etwas entstehen würde. Mehrfach waren sie kurz davor gestanden, hatten sich geküsst und in den Armen gelegen. Aber daraufhin hatte sie ihn wieder wie davor behandelt. Er hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er sie liebte, und sie hatte gesagt, sie bräuchte Zeit. Aber nichts hatte sich verändert. Er hatte sie nie vor eine Wahl gestellt, aus der Angst sie zu verlieren oder vor der Veränderung ihres Verhältnisses. Er wusste, dass das nicht sonderlich konsequent war, doch sie hielt ihn in ihrem Bann. Es war nicht so, dass er ihr hilflos ausgeliefert war. Er hatte in den zwei Jahren zwei Freundinnen gehabt und mehrere Bekanntschaften, um es höflich auszudrücken und sie ebenfalls. Doch seltsamerweise hatte dies alles nichts an ihrem anhaltenden Flirt geändert. Es war jedes Mal wieder, als seien sie kurz davor sich in die Arme zu fallen und nie wieder loszulassen. Es war, als wären die anderen Beziehungen nebensächlich. Wie auf einem niedrigeren Level. Seine Freundinnen hatte er schon in gewisser Weise geliebt, aber es war etwas anderes gewesen. Auf keine von ihnen hätte er solange gehofft oder gewartet. „Dann müssen wir noch ganz viel zusammen machen, bevor ich hier verschwinde!“ – „So viel wie die letzten zwei Monate?“ fragte er leicht sarkastisch. Sie hatten sich die letzten zwei Monate nur selten und zufällig getroffen. Es passierte öfters, dass sie etwas ankündigte und es dann nie einlöste. Er hatte es aber auch niemals eingefordert. Er konnte es nicht. Die Ankündigungen waren so unverbindlich. Er wäre sich kleinkariert vorgekommen sie zu erinnern. Er wollte nicht aufdringlich wirken. Ihren hübschen Mund umspielte ein süffisantes Lächeln. Er glaubte nicht, dass sie ihm böswillig Hoffnungen machte. Eher hatte er das Gefühl, dass sie sich ihrer tatsächlichen Wirkung auf ihn nicht richtig bewusst war. Obwohl er ihr mehrfach zu verstehen gegeben hatte, was er für sie empfand. „Hast du für die Ferien eigentlich schon was geplant, oder bleibst du hier?“ Ihre Stimme hatte beinahe einen zärtlichen Hauch. Im Moment waren sie beide solo. „Ich weiß noch nicht, eigentlich wollte ich schon wegfahren. Aber ich hab‘s bis jetzt immer verpeilt mich drum zu kümmern. Ich muss mal den Julian fragen, ob er mitkommt. Und du? Schon die Südseevilla gebucht?“ – „Schön wär‘s, aber ich weiß auch noch nicht, was ich machen werde, wahrscheinlich nach Italien. Ich will Sonne.“ Leise Sehnsucht schwang in ihren Worten mit. „Hört sich gut an, ich denk auch, dass es bei uns auf Italien raus läuft.“ Er  hing in der Luft. Momentan hatte er nichts zu tun. Es würde noch vier Monate dauern, bis er seinen Zivildienst würde antreten müssen. Noch vor einem halben Jahr hätte er sich kaum vorstellen können, dass auch zu viel Zeit anstrengend sein konnte. Zuerst war die freie Zeit eine große Erleichterung gewesen. Nach dem Abiturstress hatte er das Nichtstun ausgiebig genossen. Mittlerweile hatte sich das Blatt gewendet. Er freute sich darauf wieder einer Sache nachgehen zu können. Die Freizeit war anstrengend geworden. „Ich glaub, irgendwann zieh ich nach Italien. Ich will das ganze Jahr Sonne haben.“ Sie klang schwärmerisch. „Bis dahin ist‘s auch egal. Mit der Erderwärmung haben wir dann hier Italien und in Italien die Sahara.“ antwortete er ohne aufzusehen. Er beobachtete die Streifen, die die nachmittägliche Sonne auf den Boden malte. Die Holzdielen waren fleckig. Wahrscheinlich von verschüttetem Bier und Cocktails. Die Zigarettenasche hatte dafür gesorgt, dass die Dielen grau waren. Es war dieser Farbton, den Holz annimmt, wenn es verwitterte. Fasziniert betrachtete er das Schauspiel der Staubteilchen, die in den warmen Strahlen durch den Raum schwirrten. Die warmen Sonnenstrahlen ließen goldene Rechtecke aufleuchten. Das Licht war beinahe golden. Die Sonne musste schon tief stehen. Er sah auf die Uhr. „Hast du heut noch was vor?“ – „Nein, ich wollte nur wissen, wie spät es ist.“ Er ließ den Arm wieder sinken. Von dem Tisch mit den Skatern war der Geruch von Zigaretten herüber gezogen. Er überlegte, ob er auch eine rauchen sollte. Er wusste, dass sie es nicht mochte. Er schon. Mehrfach hatte sie ihn davon überzeugen wollen aufzuhören. Doch seine Sucht hatte sich durchgesetzt. Sie hatte ihn ausgespielt. Warum hätte er nur für sie aufhören sollen? Ihr konnte es doch egal sein, er hätte nichts davon. Sie würde ihn nicht deswegen nicht mehr verschmähen, weil er das Rauchen aufhörte. Sie hatte ihm nichts zu sagen. Dieser alte Trotz wallte wieder in ihm auf. Er holte das Softpack aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch. Behutsam zog er eine Zigarette heraus und klemmte sie zwischen die Lippen. Er achtete darauf ihr nicht ins Gesicht zu schauen. „Ich dachte, du hättest aufgehört! Rauchen ist doof.“ Ihre Stimme enthielt unmissverständlich Missbilligung. „Nein, ich hab nie aufgehört und hab‘s eigentlich auch nicht vor.“ Mit der linken Hand fuhr er tastend in die Hosentasche um das Feuerzeug zu suchen. Seine Stimme war ungewollt scharf gewesen. Grinsend versuchte sie ihm die Zigarette abzunehmen. Doch er nahm die Zigarette wieder aus dem Mund und hielt sie außerhalb ihrer Reichweite. „Du magst mich nicht“, sagte sie mit aufgesetzter Traurigkeit im Blick. Er lachte kurz und bitter auf. „Nein, ich mag dich wohl nicht“ stellte er emotionslos, beinahe sachlich, fest und griff nach dem Glas auf dem Tisch. Er spürte die kalten Wassertropfen auf der Außenseite des Glases. Es klirrte wieder leicht, als er das Glas an die Lippen setzte. Während er das Glas behutsam wieder zurück auf die Tischplatte stellte, merkte er, wie das kalte Ginger Ale in seinen Magen strömte. Er spürte den Kunststoff des Feuerzeugs an seinen Fingerspitzen „Manchmal hasse ich dich, aber meistens liebe ich dich.“ vollendete er seinen Satz und steckte sich die Zigarette an.

                                                       Lorenz Raab

 

Der dunkle weiche Mantel des Todes meinen Geist umfasst.

Teil meines Lebens an mir vorbei gerast.

Kein Licht am Ende des Tunnels nur Stille und fallend wie Flocken

Find mich wieder am Fuß eines Baumes hocken.

 

Den Sinn der Worte Eile und Zeit völlig an diesem Ort verschneit.

Ich bin tot denke ich und blicke auf.

Um mich herum verschiedenste Figuren zuhauf.

Doch dann erkenne ich – Es sind Lemuren.

Solch einsam still und tote Kreaturen

Ein samtener Friede durchströmt die endenden Leben.

Ich dachte nie so etwas würde es wirklich geben.

Doch ich fühle mich wohl.

Meine neue Heimat.

Mein toter Baumstamm er ist hohl.

Innen alles Holz und Weich gemacht.

Wohl zum ewig Bleiben gedacht.

Der Ort ist hier überall still, ausruhen ist einzig was man will

Erschöpft und glücklich mein regloses Herz bestück ich

Mit tiefster Zufriedenheit und ewigen Glück

Ich wünsche mir nichts von damals zurück.

Ich spüre alle reglos staunenden Gesichter sich sanft zu mir drehen.

Und einen langen sanft-warmen Wind durch mich Wehen.

Diese Stille.

Taub-Stumm-Reglos im Winde wiegen.

Leise ohne Atmung auf einer Wiese liegen.

Diese Stille.

Heimat

Wärme

So weich

Frieden

Ohne Ton und immer stumm macht alles seinen Nacken krumm.

Am sanften Firmament ein grelles Schwert den Mantel brennt.

Es stößt in das Glück und bringt die Angst zurück.

Mit schneidenden Regungen köpft es der Figuren Bewegungen.

Es ist, als käme ein schwarzer Tintenfleck aufs weiße Gewand.

Ich kann mich nicht rühren, bin nicht weggerannt.

Diese laute Stille ich kann sie spüren alles stimmlos schreit

Ich bin doch schon tot, doch nicht dem Tod geweiht.

Vor meiner Silhouette macht die Klinge halt

Sie rührt sich nicht und dreht sich bald.

Alle reglosen Gesichter sehn mich tonlos dankbar an.

Ich fühle mich wohl und merke, dass nur ich das Schwert vertreiben kann.

 

Ein Schlag auf die Brust - Luft in meine Lungen gepresst

Mein Laken von Ärzteschweiß durchnässt.

Ich schlage die Augen auf wie im Wahn

Ich muss sie doch retten, was habt ihr getan.?!

 

                                                           Malte Jungmann

 

 

Der Anfang vom Ende

 

Wir waren so verschieden und

zugleich uns viel zu ähnlich…

Wir waren alles was wir hatten und

besaßen doch nichts…

Konnten nicht ahnen, dass wir uns verlieren,

trotz des Verzichts…

 

Wie oft standen wir mit dem Rücken zueinander und

wussten wir sind immer beieinander…

Teilten so viele schlaflose Nächte,

krochen zusammen durch so viele dunkle Schächte…

 

Uns verband mehr als nur die Gegenwart,

es blieb uns nie Leid erspart…

Eine andere Welt war uns näher denn je…

Wenn ich in deine Augen seh’…

Ist alles zerronnen und auch die Zukunft verschwommen…

 

Zur Last bin ich dir geworden und

für dich wäre ich sogar gestorben…

Schweigen..

Nur noch das nennen wir unser eigen---

Du hast uns verstoßen,

hast unsere Wege zweigeteilt,

akzeptiert, dass diesmal die Zeit

keine Wunden heilt…

 

Unsere Einheit mit einem Schlag vernichtet,

hast auf mich verzichtet…

Gehst den Weg alleine, obwohl

du siehst, dass ich um dich weine…

verleugnet deine Schuld

mich zu zerstören…

Wolltest mich nicht einmal anhören…

 

Verloren stehe ich vor dir und

flehe dich an, dass du nicht gehst von mir…

Schmerzen…

In meinem toten Herzen…

Hoffnung?!

Nichts mehr als das wäre mein Frieden,

du hast dich jedoch dagegen  entschieden…

 

Sarah Gieck

Liebesschmerz

 

 

 

Marie schleppte sich keuchend  die letzten Stufen des alten heruntergekommenen  Plattenbaus hinauf, bis sie schließlich ihr Ziel vor Augen hatte : die kleine graue Tür, die ihr hoffentlich den Zugang zur Dachterrasse des Hochhauses verschaffen würde. Sie drückte hastig den Türgriff nach unten und stellte zu ihrer großen Zufriedenheit fest, dass sie unverschlossen war. Sofort wurde sie von dem eiskalten Wind erfasst, der  in diesem Dezembermonat  nicht selten sein  Unwesen trieb und ihr eine Gänsehaut verschaffte. Vorsichtig übertrat sie die Schwelle und tastete sich mit verschränkten Armen langsam bis zu den Geländern vor, die lediglich einen halben Meter vom Dachvorsprung entfernt angebracht waren. Marie nahm einen tiefen Atemzug und blickte in die lichtdurchflutete Nacht hinab auf ihre Lieblingsstadt Berlin, in der sie einst so glücklich gewesen war, und es zeichnete sich ein kleines Lächeln auf ihren Lippen ab, während sie wie in Trance in die klare Nacht starrte.

Hier in dieser Stadt vor genau drei Jahren lernte sie in dem kleinen Cafe am Hacke'schen Markt Thomas kennen. Zunächst beachtete sie ihn nicht weiter, da sie in einen interessanten Artikel über die Lebensumstände in Uganda vertieft war. Aber als sie den Kopf hob um einen Schluck von ihrem Milchkaffee zu nehmen, erblickte sie ihn am benachbarten Tisch. Seine hellen grünen Augen mit den für einen Mann ziemlich ungewöhnlichen langen Wimpern  fielen ihr sofort auf. Er hatte diesen gewissen Charme, der durch sein breites Grinsen und seine schönen weißen Zähne zusätzlich  zum Ausdruck kam und Marie fühlte augenblicklich ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als sie ihn minutenlang  unauffällig über ihre Zeitung hinweg beobachtete. Sie fühlte sich wie durch ein unsichtbares Band zu ihm hingezogen und war  sich sicher, diesen Mann, der durch seine Aura so sehr auf sie einwirkte,  näher kennenlernen zu wollen.

Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit, als sie da saß in dem kleinen Cafe und alles um sich herum vergas. Sie konnte mittlerweile ihre Augen  nicht mehr von ihm abwenden und nach einiger Zeit trafen sich ihre Blicke, woraufhin Marie jedoch reflexartig schüchtern zu Boden schaute und nervös mit ihren Fingern spielte. Als er dann auf einmal vor ihr stand mit seiner stattlichen Figur und seinen schwarzen Wuschelhaaren, konnte Marie es kaum glauben." Hey, ich bin Thomas, hast du nicht Lust dich  zu mir an den Tisch zu setzen?", fragte er  und lächelte sie dabei mit seinen schönen weißen Zähnen an. Ohne lange zu überlegen willigte sie ein und ab diesem Zeitpunkt begann die schönste Zeit ihres  Lebens. Thomas war nicht so wie die anderen Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Man konnte mit ihm stundenlang über Gott und die Welt reden und seine Meinungen und Ansichten über das Leben begeisterten sie. Er war intelligent, charmant, witzig und stand mit beiden Beinen fest im Leben, ganz zu schweigen von seinem umwerfenden Aussehen. Marie konnte es nicht fassen so einem wundervollen Menschen begegnet zu sein, und als sie sich abends voneinander verabschiedeten, stieg sie noch ganz hingerissen von ihm in die S-Bahn und fuhr nach Hause.

In den folgenden Wochen entwickelte sich schließlich aus anfänglichen Flirtereien und Treffen eine Beziehung, die von Tag zu Tag inniger wurde. Thomas verwöhnte sie, wie er nur konnte, führte sie an die schönsten und ruhigsten Plätze von Berlin, die sie noch nicht kannte, lud sie zum Essen ein, stellte sie seiner Familie vor, die Marie sofort ins Herz schloss, motivierte sie, wenn ihr mal wieder der Unistress zu Kopf stieg, und war allgemein so fürsorglich und besorgt um sie, wie sie es noch nie erlebt hatte. Er machte ihr Komplimente, die ihr das Gefühl gaben  etwas Besonderes zu sein, und dieses Gefühl genoss sie und machte sie unglaublich stolz. Eines schönen Sommertages nahm er sie sogar mit zum See und dort saßen sie zusammen bis zur Abenddämmerung und genossen die Zweisamkeit und  Ruhe.

Ab diesem Zeitpunkt war sich Marie sicher, den Mann gefunden zu haben, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Sie tat alles für Thomas um ihn glücklich zu machen, schmiss nach einem Jahr sogar die Uni und zog mit ihm in einen kleinen Ort  außerhalb Berlin, obwohl ihr das Großstadtleben so am Herzen lag. Doch all das nahm Marie zunächst unbeschwert in Kauf, denn für sie zählte einzig und allein die Tatsache, dass sie mit dem Mann ihrer Träume Zeit verbrachte und das Leben mit ihm in vollen Zügen genießen konnte, egal wo. Ihre Liebe zu ihm wurde immer intensiver und sie verspürte eine unglaubliche Sehnsucht, wenn er an manchen Wochenenden auf Geschäftsreise war und nicht bei ihr sein konnte. "Ach Schatz, nicht dieses Wochenende, wir brauchen auch mal Zeit für uns", stöhnte sie eines Tages, als Thomas mal wieder dabei war seinen Koffer zu packen. "Ich hab uns einen Tisch im El Moro bestellt...kannst du diesmal nicht einfach absagen?" "Marie, du weißt doch, wie wichtig der Job für mich ist,  es gibt momentan einfach so viel zu tun, dass ich es mir nicht leisten kann auszufallen", versuchte er sie zu trösten, "wir profitieren doch beide davon", hauchte er ihr ins Ohr und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Doch dieses Argument überzeugte sie nicht,  nicht heute. Wie oft hatte sie diesen Satz schon von ihm gehört und musste letztendlich die Zeit, in der normalerweise andere Pärchen was unternahmen, alleine zu Hause oder mit Freunden verbringen.

Sie war es leid ein Leben zu führen, in dem sie sich immer mehr als eine Single-Frau fühlte und hatte genug davon Thomas' Entschuldigungen weiterhin kommentarlos hinzunehmen. "Hör mal, so kann es einfach nicht weitergehen mit uns, wir entfernen uns immer weiter voneinander, merkst du das nicht?" Jetzt blickte Thomas ärgerlich zu ihr herüber, während er nebenbei seine Schuhe zuschnürte und antwortete mit erhobener lauter Stimme : "Jetzt mach keinen Aufstand, du kanntest die Bedingungen für unsere Beziehung! Denk immer daran, wem du deinen Lebensstandard verdankst"

Marie traf die Aussage wie ein Schlag ins Gesicht. Sie konnte es einfach nicht glauben diese Worte noch vor ein paar Sekunden aus seinem Mund gehört zu haben. Ungläubig zog sie die Augenbrauen nach oben und blickte geschockt auf ihren Freund, der teilnahmslos seine Jacke vom Kleiderständer nahm, ein "Komm runter" murmelte und die Wohnung verließ ohne sich mit einem liebevollen Kuss von Marie zu verabschieden. Ein paar Minuten später stand sie immer noch da, an demselben Platz in der leeren Wohnung, und konnte es einfach nicht fassen. Das war doch nicht Thomas! Niemals  würde er so etwas Unfaires zu ihr sagen und sie einfach  links liegen lassen. Marie kramte nach ihrem Handy, legte es auf ihren Schoß und wartete ungeduldig auf einen erlösenden Anruf. Es vergingen jedoch Stunden ohne ein Zeichen von ihm und sie wurde mittlerweile sehr müde. Er hat eben etwas überreagiert - ihm geht diese ständige Reiserei sicherlich auch auf die Nerven, verteidigte sie ihn in Gedanken und ging in dieser Nacht jedoch traurig und enttäuscht zu Bett.

Die folgenden Tage waren die Hölle für Marie. Sie versuchte ständig Thomas zu erreichen, wählte 20 mal hintereinander seine Nummer und musste letztendlich feststellen, dass sein Handy permanent ausgeschaltet war. Sie wartete wiederholt Stunden vor ihrem Telefon, doch nichts tat sich.

Nach sechs vergangenen Tagen schließlich hörte sie das Klappern der Schlüssel und rannte die Treppen hinunter zur Haustür. Es war Thomas. Erleichtert fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn an sich. "Ich hab mir solche Sorgen gemacht, wieso hast du dich nicht gemeldet?", sprudelte es aus ihr heraus. Doch Thomas antwortete nicht. Er drängelte sich an Marie vorbei  und warf einen Blick in die Küche. "Wieso hast du kein Essen vorbereitet?", fuhr er sie in energischem Ton an "Seit wann komme ich heim und es ist nichts vorbereitet"? Marie traute ihren Ohren nicht. Wie undankbar konnte dieser Mensch eigentlich sein? Und vor allem: Was war mit ihm um Gottes Willen passiert? "Thomas, ich habe dich etwas gefragt, wo warst du die ganze Zeit?"

"Hat halt alles ein bisschen länger gedauert in München und jetzt lass mich allein, ich brauche meine Ruhe". Das hatte gesessen. Sie versuchte sich gegen das ankommende Gefühl der Wut zu wehren, doch erneut überkam sie ein Heulkrampf, bei dem sie eine Ewigkeit im Bad eingeschlossen auf dem Boden verbrachte. Als sie sich ausgeweint hatte, fühlte sie sich besser und suchte eine plausible Erklärung für das Verhalten ihres Partners. Marie setzte sich auf den Badewannenrand und dachte nach. Dabei bemerkte sie Thomas' schwarze Tasche neben der Dusche  und es kam ihr ein absurder Gedanke, den sie aber sofort zu verdrängen versuchte. Bisher hatte sie nie in Thomas' Sachen herumgestöbert, sie hatte ihm immer voll und ganz vertraut und er ihr. Sie konnte nie die  Frauen verstehen, die ihren Männern hinterherspionierten, und war über jegliches Verhalten immer empört. Bis jetzt. Ihre Neugierde war einfach zu groß. Marie wusste zwar nicht, nach was sie suchte und was sie sich erhoffte, aber sie fühlte sich unter diesen Umständen dazu berechtigt einen Blick in die Tasche zu werfen. Thomas weigerte sich ja vehement ihr irgendetwas zu erzählen.

Zunächst entdeckte sie nichts Außergewöhnliches: ein paar zerknitterte Hemden, Schuhe und sein Aftershave, dass sie so verführerisch an ihm fand. Dann jedoch erfühlte sie unter Thomas' Wäsche einen Umschlag. Ohne weiter zu zögern öffnete sie ihn  und faltete das weiße Briefpapier auseinander, das sich in ihm befand. Vor lauter Aufregung überflog sie den Inhalt nur hastig, doch die entscheidenden Worte trafen sie wie eine Faust ins Gesicht. " Die letzten Tage waren wunderschön mit Dir ....wir sind bald nicht mehr nur zu zweit... Ich liebe dich..... " Marie stockte der Atem, sie sackte auf den Boden und hielt sich am Waschbecken fest. Alles in ihrem Kopf begann sich zu drehen und sie fühlte sich wie in einem schlechten Albtraum. Sie wollte weinen, schreien, doch ihre Fassungslosigkeit hielt sie davon ab ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Wie konnte das nur möglich sein, ihre Beziehung war bis auf die letzten Tage perfekt gewesen. Sie hatte doch immer gespürt, wie sehr er sie liebte. Noch zwei Wochen zuvor redeten sie über Heirat und gemeinsame Kinder, planten erst kürzlich eine Reise nach Andalusien. Immer hatte sie seinetwegen auf alles verzichtet, ihm jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und war überglücklich, wenn es Thomas gut ging und sie ihn zum Lachen bringen konnte. Sie liebte ihn trotz dieses Vorfalls über alles, das war sie sich bewusst. Ein Leben ohne ihn käme für sie nie in Frage, trotz dessen, dass sie sich bewusst war, dass eine fremde Frau ein Kind von ihm erwartete. Marie war einfach zu schwach und abhängig von Thomas. Sie fasste sich, stopfte den Zettel zurück in die Tasche und ging hinunter in die Küche um für Thomas das Essen zuzubereiten.

In den folgenden Monaten erwähnte Marie gegenüber Thomas kein Wort mehr bezüglich  seiner ständigen "Geschäftsreisen" und sie spürte, dass er sie  wieder liebevoller behandelte. Sie bemühte sich ihm alles recht zu machen und verwöhnte ihn bedingungslos aus Angst diesen Mann jemals zu verlieren. Die Gedanken an seine Geliebte versuchte sie tagtäglich zu verdrängen und somit schaffte sie sich im Laufe  der Jahre eine eigene Welt, in der nur Thomas und sie existierten. Marie zog sich immer mehr zurück, wollte nichts von der Außenwelt wissen und genoss die wenigen Stunden mit ihrem Freund in der gemeinsamen Wohnung. Sie veränderte sich sehr, verbrachte stundenlang vor dem Spiegel im Bad, fing an zu rauchen und Alkohol zu trinken und realisierte dabei nicht, wie sehr sie sich immer mehr von ihrem einst so makellosen Leben entfernte. Stundenlang betrachtete sie gemeinsame Fotos von sich und Thomas, die sie ordentlich in ein Fotoalbum klebte und mit Sprüchen verzierte.

In der Nacht jedoch schwenkte ihr "Glücksgefühl" ins krasse Gegenteil um. Sie verspürte plötzlich einen ungeheuren Hass. Ihr Körper krampfte sich zusammen und sie ballte die Fäuste. In ihr staute sich so viel Wut an, dass sie nächtelang vor lauter Schmerzen in ihrem Kopf weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Sie nahm ihr Kissen und schlug es so lange gegen die Wand, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach

Dieser Mann hatte alles zerstört; ihre Beziehung und sie noch mit dazu. Sie wollte ihm weh tun, ihn weinen und leiden sehen, so wie sie es Tag für Tag erleben musste.

So kam es, dass sie an einem Freitag im August des Jahres 2001 einen Plan schmiedete, einen Plan, der Thomas und sie endlich wieder zusammenbringen  und sie beide auf ewig glücklich machen würde. Es sollte alles ganz schnell gehen. Das große Küchenmesser in der Schublade war größtenteils noch ungenutzt und somit bestens geeignet. Immer wieder ging sie den Ablauf in ihrem Kopf durch. Er sollte sterben um den Schmerz nur annähernd so intensiv zu fühlen wie sie in den vergangenen Jahren.

Als Thomas am darauffolgenden Abend nach Hause kam, trug er sein weißes Polohemd und Marie fand, dass er für sie noch immer unglaublich attraktiv und charmant war. Als er am Küchentisch saß, näherte sie sich von hinten und stach zu. Sie schloss die Augen und ihr angestauter Hass und ihre Wut entluden sich. Marie verspürte ein Gefühl von Befriedigung und Freiheit. Er hatte es verdient...obwohl sie ihn doch so sehr liebte, aber das tat sie definitiv immer noch. Sie betrachtete ihn eine Weile und ihr gefiel der Anblick des blutdurchtränkten Shirts. Eine Träne lief ihr über die Wangen und sie küsste Thomas zum Abschied auf die Lippen. Marie öffnete die Wohnungstür, warf einen letzten Blick auf das Haus und verschwand  mit dem Bus Richtung Berlin Ost.

Nun stand sie da auf dem Hochhaus, emotionslos und leer. In ihrem Wahn vor sich hinlächelnd. Geräusche aus ihrer Umgebung nahm sie schon längst nicht mehr wahr. Und als sie schließlich den letzten Schritt vorwärts machte, verschwand sie in der Dunkelheit der Nacht.

 

                                                        Sarah Müller                                                                                                             

Ein Lichtblick

 

Dunkelheit umgibt die Welt

Kein Licht, das sie erhellt

 

Es waren die weiten Flügel meiner Seele,

Die mich einst trugen in die höchste Sphäre,

Diesen schwarzen Schwingen hüllen mich nun ein,

Schützen mich, doch werden sie mein Käfig sein

 

In meinem Kopf sind Bilder, ah so grausam.

Schreie hallen durch die Nacht

Und dennoch ist da jemand, der noch lacht

Verzweifelt, schrill und einsam

 

Alte Sünden sind bedeckt vom Schnee.

Ein einsamer Wolf steht hier am See.

So steh ich nun, einsam und allein.

Mein einzig Sinn, das nackte Sein.

 

Wo warst du, als der Krieg begann?
Wo warst du, als unsre Freunde starben?

Noch immer fesselt mich dein Liebes-Bann

Nicht mein Körper, mein Herz trägt tiefe Narben

Unsere Welt scheint neu geboren.

Dafür bist du auf ewig mir verloren.

Bald wird sich der weiße Schleier heben

Und das Leid verzerrt erneut das Leben

 

Sein Tod ist mein Gewinn

So werden wir uns wiedersehen

 

 

                        Sven Dwulecki

 

Stille

 

Das Meer der Stille erhebt seine Flügel,

gegen die Qual,

gegen die Angst,

was bleibt ist der leere Raum.

 

Der Raum, der dich auffängt,

Zuflucht bietet, Möglichkeit

den Gedanken Ausdruck zu verleihen.

Worte, Silben, Buchstaben,

Emotionen verlaufen, verschwinden im Nebel des Bewusstseins.

 

Die Wellen umfließen dich erneut,

schließen dich ein, drohen dich zu ersticken;

Das Licht der Ferne bringt Gewissheit -

es ist vorbei.

 

 Tanita Sauf

 

Zitate zu Liebe und Hass

 

 

Liebe

 

Die Liebe ist stark wie der Tod.
Hld 8,6

 

Unsere Liebe darf nicht aus leeren Worten bestehen. Es muss wirkliche Liebe sein, die sich in Taten zeigt.

1 Joh 3,18

 

Alles, was ihr tut, geschehe aus Liebe!
1 Kor 16,14

 

Pflichtbewusstsein ohne Liebe macht verdrießlich. Verantwortung ohne Liebe macht rücksichtslos. Gerechtigkeit ohne Liebe macht hart. Wahrhaftigkeit ohne Liebe macht kritiksüchtig. Klugheit ohne Liebe macht betrügerisch. Freundlichkeit ohne Liebe macht heuchlerisch. Ordnung ohne Liebe macht kleinlich. Sachkenntnis ohne Liebe macht rechthaberisch. Macht ohne Liebe macht grausam. Ehre ohne Liebe macht hochmütig. Besitz ohne Liebe macht geizig. Glaube ohne Liebe macht fanatisch.

Laotse

 

Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand.

Blaise Pascal

 

Wir sind alle zum Lieben geboren. Es ist der Sinn unseres Seins und sein einziger Zweck.

Benjamin Disraeli

 

Zu lieben ist Segen, geliebt zu werden – Glück.

Leo Tolstoi

 

Liebe, die in Hass umschlägt, ist niemals echte Liebe gewesen, denn sie wollte nur besitzen.
Otto von Leixner

 

Die Sprache der Liebe ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen.

Josef Freinademetz

 

Die Liebe ist der Blick der Seele.

Simone Weil

 

Hass

 

Bedenke wohl, dass die Folgen unseres Hasses schmerzlicher sind als die Handlungen, die ihn ausgelöst haben.

Aurelius Augustinus

 

Hass wird durch Gegenhass gesteigert, durch Liebe dagegen kann er getilgt werden.

Baruch de Spinoza

 

Hass verletzt die Seele und zerstört die Persönlichkeit

Martin Luther King

Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in anderen, sondern hasst sich auch in anderen.

Georg Christoph Lichtenberg.

 

Die gefährlichsten Herzkrankheiten sind immer noch Hass, Neid und Geiz.

Pearl S. Buck

 

 

 

 

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