Braucht Deutschland „Erneuerbare Energien“ und können wir uns diese leisten?

Diese Frage diskutierte Prof. Dr.-Ing. Jürgen Karl vom Lehrstuhl für Energieverfahrenstechnik von der Friedrich-Alexander-Universität  Erlangen-Nürnberg mit Schülern der Chemiekurse der Q11 des Gymnasiums Ernestinum im Rahmen des Projektes ProfS – Professoren in die Schulen.

In einer ersten Diskussionsrunde stand die Frage „Klimawandel – Fakt oder Fake?“ im Mittelpunkt. Dabei konnte der Referent durch überzeugende wissenschaftlich fundierte Daten die Tatsache des durch menschliches Tun bereits stattfindenden Klimawandels überzeugend belegen und so die Thesen der durch Lobbyistenverbände finanzierten Klimaskeptiker widerlegen. Die Tatsache eines Klimawandels zwingt die Menschheit dazu, nach Energieträgern jenseits der fossilen Reserven zu suchen.

 

Ist die in Deutschland unter dem Eindruck des Fukushimaereignisses eingeleitete Energiewende ein Fiasko oder vielleicht doch nicht?

 

Bei dieser Frage, die das Thema der zweiten Diskussionsrunde darstellte, konnte Prof. Karl anhand statistischer Daten überzeugend belegen, dass das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) alle Erwartungen übertroffen hat und sogar dem – durch Auslaufen der Kraftwerkslebenszeiten herkömmlicher Kern- oder Wärmekraftwerke zu erwartenden – Energiemangel entgegenzuwirken in der Lage ist. Allerdings werden seiner Meinung nach die Energiewende und ihre Auswirkungen durch die Berichterstattung in den Medien und durch Teile der Politik „gemobbt“. In einer fachlich geführten Diskussion wurden die zentralen Kritikpunkte an der Energiewende ausführlich beleuchtet. Der wichtigste Vorwurf, erneuerbare Energien seien zu teuer, trifft für den Privatkunden und Kleinverbraucher zu, nicht jedoch für Stromgroßkunden und den Strompreis als solchen. Dieser sinkt seit Beginn des Ausbaus der Erneuerbaren Energien kontinuierlich. Auch der Kritikpunkt, Netzstabilität und Versorgungssicherheit könnten nicht gewährleistet werden, konnte von Prof. Karl überzeugend entkräftet werden. Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung, dass die Energiewende Arbeitsplätze kostet, zeigt sich, dass durch die Einführung der alternativen Energiegewinnungsmöglichkeiten etwa 360 000 neue Arbeitsplätze – was der Hälfte aller Beschäftigten in der für Deutschland so wichtigen Automobilindustrie  einschließlich Zulieferer entspricht – entstanden sind.

Ein zentrales, noch offenes Problem der Energiewende stellt die Energiespeicherung dar. Hier bietet ein zentraler Forschungsschwerpunkt des Lehrstuhls von Prof. Karl mit der Bildung synthetischer Treibstoffe einen Lösungsweg an. Technisch ist dieses Problem mit der Fischer-Tropsch-Synthese und dem Bergius-Pier-Verfahren als Kohleverflüssigung seit Jahrzehnten gelöst. Auf diese Weise wurden im 2. Weltkrieg die Mittelmächte und während der Zeit der Apartheid Südafrika mit Treibstoff versorgt. Diese Verfahren müssen natürlich auf nicht fossile Ausgangsstoffe, also auf Biomasse, zur Produktion des notwendigen Synthesegases umgestellt werden. Elektrische Energie, z.B. für die Gewinnung von Wasserstoff durch Elektrolyse von Wasser, muss aus Windkraft und Photovoltaik genutzt werden, um die Sonnenenergie speicherbar zu machen. Hier sollte auch global gedacht werden. Erneuerbare Energien zur Produktion flüssiger Energieträger als Speicher müssen nicht notwendigerweise nur in Deutschland genutzt werden. Länder mit besseren Bedingungen für Sonnen- oder Windstrom bieten sich hier geradezu an.

Im Anschluss informierte Herr Sebastian Raquet (Bachelor of Science und angehender Chemieingenieur) über die Studiengänge an der Universität Erlangen-Nürnberg und sich daraus ergebende Berufsmöglichkeiten.

 

März 5, 2018